«Smash or Pass?»

Links, links, links, links, rechts, links. Die Bewegung mit dem Daumen über das Display erfolgt in Sekundenschnelle – zumindest bei dem Studenten, den die Autorin während einer Vorlesung beim Tindern beobachtete. Die Entscheidung, ob links oder rechts, scheint sofort ge-troffen zu werden, doch auf was beruht sie eigentlich? von Nicole Frischknecht

by Polykum Redaktion

Ein kurzer Blick auf das Gesicht, das auf dem Handy vorgeschlagen wird, genügt, um die Gesichtszüge analysieren zu können. Ohne bewusst die einzelnen Merkmale zu studieren, urteilt unser Unterbewusstsein über die Attraktivität des Selfies. Sieht man jemanden, den man als gutaussehend empfindet? Fühlt man sich von dieser Person angezogen? Die zugrundeliegenden Beurteilungsmechanismen haben sich während der Evolution über Jahrtausende hinweg entwickelt. In kaum einem anderen alltäglichen Bereich sind wir Menschen so sehr von tief verwachsenen, evolutionären Trieben beeinflusst wie in unserer Partnerwahl. Da wir uns sehr auf optische Eindrücke verlassen, spielt das Aussehen einer Person eine wichtige Rolle. Oft ist das Äussere auch das Einzige, was man von anderen kennt, bevor man mit ihnen spricht. Daher hat der Mensch Verfahren entwickelt, Informationen allein anhand des Äusseren seiner Mitmenschen abzulesen.

Diese ersten Informationen müssen natürlich nicht immer stimmen, aber wir verlassen uns bis zu einem gewissen Grad trotzdem auf sie. Und gerade in der Dating-Welt müssen wir oft auf unsere ersten Eindrücke vertrauen, weshalb Apps wie Tinder so verbreitet sind in unserer Gesellschaft.

Evolutionäre Attraktivität

Was Menschen attraktiv finden, ist teils evolutionär erklärbar. Es existiert eine Attraktivität, die nichts mit persönlichen Vorlieben zu tun hat. Bereits Neugeborene erkennen attraktive Gesichter, denen sie länger Aufmerksamkeit schenken. Wer von einem Baby lange angestarrt wird, darf sich also geschmeichelt fühlen. Es gibt somit eine zeitlose Attraktivität, die nichts mit Trends oder subjektivem Geschmack zu tun hat. Solche attraktiven Gesichter verbindet unser Gehirn mit Gesundheit und Fertilität. Es möchte unsere Gene möglichst erfolgreich in der Gesellschaft erhalten, was am besten mit einem*r gesunden Lebensgefährt*in möglich ist. Attraktive Partner*innen versprechen Nachwuchs mit optimalen Eigenschaften und sichern so auch das Überleben der eigenen Gene.

Doch was macht nun jemanden attraktiv – evolutionär betrachtet? Symmetrie ist der Indikator für Gesundheit. Eine hohe Symmetrie ist ein Zeichen für eine stabile Embryonalentwicklung, die auf der Resistenz gegen gewisse Toxine und Parasiten beruht, erklärt die Universität Basel. Tiere mit symmetrischen Gesichtszügen haben eine höhere Wahrscheinlichkeit, gesunde Nachfahren zu zeugen, und werden daher von ihren Artgenossen bevorzugt. Bereits die alten Griechen haben die Proportionen der Gesichtszüge studiert. Das Ergebnis ihrer Forschungen beschreibt der «Goldene Schnitt der Schönheit». Das Gesicht einer Person wird in ihre Einzelteile segmentiert und ausgemessen. Bei den einzelnen Partien wird die Länge durch die Breite geteilt. Je näher dieses Verhältnis bei 1.618 liegt, desto schöner sei ein Gesicht.

Attraktive Gesichtsmerkmale

Biologische Attraktivität ist aber noch viel mehr als Symmetrie. In Wahlversuchen wurde probiert herauszufinden, welche Gesichtsmerkmale bei den Geschlechtern als besonders attraktiv bewertet werden, berichtet die Uni Basel. Ein breites Lächeln, grosse Augen und hervortretende Wangenknochen wirken bei Männern und Frauen anziehend. Auch das sogenannte Kindchenschema beschreibt attraktiv wirkende Gesichtszüge bei allen Menschen. Ein grosser Kopf, runde Wangen, grosse Augen, eine kleine, kurze Nase und ein Schmollmund gehören dazu; genau jene Merkmale, die wir Kindern zuordnen. Es mag vielleicht absurd wirken, dass kindliche Schemata attraktiv wirken. Biologisch gesehen ist es aber einfach erklärbar. Sehen wir Säuglinge und Kleinkinder, lösen diese automatisch Beschützerinstinkte und Gefühle der Zuwendung in uns aus. Dieses Aussehen haben Babys entwickelt, um so ihr Überleben zu sichern. Sehen wir also jemanden mit kindlichen Gesichtszügen, löst dies ähnliche Gefühle in uns aus.

Bei Männern gibt es noch ein weiteres Reizschema, das attraktiv wirken kann: das Jägerschema. Ein erfolgreicher Jäger wurde durch einen kantigen Unterkiefer, schmale Augen, tief liegende Augenbrauen und dünne Lippen ausgezeichnet. Der kräftige Unterkiefer kann eine Folge eines hohen Testosteronspiegels sein und dünne Lippen eines tiefen Östrogenspiegels. Auf das Gegenüber wirken Männer mit Gesichtsmerkmalen, die auf ideale Hormonverhältnisse hinweisen, besonders anziehend. Deswegen stehen auch heute noch viele auf eine scharfe Kieferpartie beim männlichen Geschlecht.

Attraktivität in der modernen Welt

Heute ist es viel einfacher geworden, Gesichtsmerkmale zu fälschen oder hervorzuheben. Vor allem Frauen schminken sich in unserer westlichen Gesellschaft häufig für besondere Anlässe oder auch als tägliche Routine und verstärken so das Kindchenschema. Und gerade in der digitalen Welt sind die Möglichkeiten heute fast unbeschränkt, Gesichter mit Filtern und Facetuning zu verändern. Die Gefahr auf Tinder auf falsche Attraktivität reinzufallen, ist also nicht klein. Doch das ist längst nicht das einzige Problem der beliebten Dating-App. Der Mensch verlässt sich im realen Leben zum Glück nicht nur auf seine visuellen Eindrücke. Der Geruch spielt eine genau so grosse Rolle, wenn es um die Wahl unserer Partner*innen geht. Wir nehmen den ‹Geruch› anderer Menschen unterbewusst wahr. Bewusst riechen wir nichts, ausser jemand hat mit Parfum nachgeholfen, das aber dennoch auch die unterbewussten Prozesse anspricht. Je besser dieser Geruch auf uns wirkt, desto attraktiver finden wir das Gegenüber. Also kann es passieren, dass wir eine Person auf Tinder unglaublich attraktiv finden, aber uns bei einem Treffen nicht mehr von ihr angezogen fühlen.

Attraktivität oder Schönheit?

Ein paar Gesichtszüge sind aber noch lange nicht alles, was das Aussehen einer Person ausmacht. Auch wenn, evolutionär betrachtet, gewisse Vorprogrammierungen bestehen, hat jede*r einen individuellen Geschmack. Dieser basiert auf individuellen Erfahrungen und kann sich im Verlauf des Lebens verändern. Es gibt unzählige verschiedene Ansätze, die diese persönlichen Vorlieben zu erklären versuchen. Wie Sigmund Freud bei dem von ihm beschriebenen Ödipus-Konflikt, um nur ein bekanntes Beispiel zu nennen.

Auch zeitliche Trends verändern immer wieder, was in einer Gesellschaft als «schön» empfunden wird. Natürlich ist das Aussehen nur die Spitze des Eisbergs. Schönheit beginnt mit einem freundlichen Lächeln, mit Offenheit und Hilfsbereitschaft, mit Humor und Sympathie. Viele visuelle Reize werden mit den Jahren vergehen, dann bleiben nur noch die Charaktereigenschaften. Obwohl die Biologie des Menschen gewisse Prägungen bezüglich Attraktivität haben kann, liegt Schönheit schliesslich im Auge der betrachtenden Person.

 

Nicole Frischknecht, 19,  studiert Gesundheitswissenschaften und Technologie und hat gerade bemerkt, dass auch sie schon Opfer des Jägerschemas wurde.

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