ETH – but HOT

Eine Kurzgeschichte aus der Zukunft.

by Polykum Redaktion

Heute sind wieder viele Insekten im Netz. Zum Glück nicht gestochen. Die mache ich nachher ab. Gerade ist die Hitze noch auszuhalten. Ab zum Zug. Wartet. Wieder eine Warnung, also Atemschutz nicht vergessen. Hab’ ich doch Glück, hier direkt ein Brunnen. Noch fliesst Wasser. Reichen zwei Liter? Ich muss mich sputen. Der Zug fährt vorbei. Defekte Klimaanlage. Also auf den nächsten warten. Jetzt wird’s unerträglich. Immerhin ist die Luft noch gut. Letztens ist die Klimaanlage während der Fahrt ausgefallen. Über dreissig Mitreisende kamen ins Krankenhaus.

Ich beisse in einen Apfel. Dieses Obst schmeckt scheusslich. Wie soll es auch schmecken, aus dem Labor? Eben war es noch angenehm, im Skigebiet – fast wie früher beim Skifahren. Kühler war es dort, und man konnte lernen. Hier in der Stadt soll man schreiben, aber kann ich es? Ah, der Zug. Wenn es doch überall so angenehm wäre wie hier drin. Fast so kühl wie in den Bergen. Eine Stunde Fahrt, noch mal den gesamten Lernstoff durchsehen. Aber schon wird’s auch hier drin warm. Es ist völlig überfüllt. Und schon ein halber Liter weg, das wird knapp.

Was schauen denn alle? Rauch? Sicher nur wieder ein kleiner Waldbrand. Nicht so wichtig. Was tut dieses Mädchen dort? Wer schickt ein Kind denn auch allein nach draussen? Unverantwortlich. Komm, hier, trink was. Schon ein ganzer Liter weg.

Alle Anzeigen am HB sind aus. Schon wieder kein Strom? Durch die Schleuse. Wunderbar, hier ist der Strom noch an. Der neue Zürcher Platz: Klimaraum im HB. Hätte ich doch so was zu Hause. Aber immerhin kann ich zu Hause noch leben.

Da fahren die Handwerker*innen. Wie die es aushalten, immer nachts zu arbeiten? Nun, tagsüber wäre es Selbstmord. Ich muss weiter. Atemschutz auf. Warum hier überhaupt noch Autos fahren? Daran werden wir noch ersticken. Gut, an der ETH zu sein. Der Wasserspender funktioniert. Schnell die Flasche auffüllen. Die Flüssigkeit ist grün. Wohl besser doch nicht. Noch ein Kind allein unterwegs. Was ist denn heute los? Kaum auszuhalten, dieses Gehuste. Langsam gehen, ruhig atmen. Noch hundert Meter. Das Tunnelsystem ist eine super Idee, hoffentlich wird es bald fertig. Schnell ins Gebäude rein. Durchatmen. Hier wird klimatisiert, wunderbar. Die Filter sollten sie aber bald mal wieder wechseln. Dreissig Minuten noch bis zur Prüfung. Das ist ja leer hier. Hey, wo sind denn alle? Was, ein neuer Moskito?! Da habe ich Glück gehabt. Diese verdammten Viecher. Wenn die nicht wären.

Gleich geht’s los. Ich muss mich konzentrieren. Nur noch ein halber Liter übrig. Und jetzt kommt die Sonne erst richtig. Damn. Und so viele Fenster hier. Jetzt heizt es richtig auf. Es geht los, drei Stunden Zeit. Die Flasche ist fast leer. Man kann kaum denken. Ich sitze direkt am Fester, in der Sonne. Das wird so nichts. Kein Wasser hier. Die da hinten sehen aber schlecht aus. Halten sie es durch? Wie soll das hier bewertet werden?

Eine Stunde noch, durchhalten. Diese Hitze. Jetzt hat es sie erwischt. Ab in den Hydrierungsraum mit ihnen. Das Einzige, was hier noch funktioniert. Besser hier umkippen als auf der Strasse.

Endlich vorbei. Los zur Mensa. Schnell, aber nicht zu schnell. Bloss nicht zu schnell. Das war schlimm. Und das jetzt wieder täglich. Erst einmal beruhigen. Immerhin muss ich zum Essen nicht raus. Ah, hier gibt’s Wasser. Gut. Schnell, einen Platz da hinten. Was gibt’s heute? Mehlwurm-Nuggets. Mmmhh. Besser als Heuschrecken. In den Bergen hat jemand Fleisch gegessen. Unglaublich. Tiere aus Klimahäusern, wer es sich leisten kann. Da esse ich lieber Würmer aus Indoor-Farmen. Noch was trinken. Gut ist es hier.

Jetzt muss ich aber wieder zurück. Darf nicht? Das Warnsystem hat alarmiert. Gut, dann bleibe ich noch ein wenig. Hier lässt es sich aushalten. Jetzt wird’s aber dunkel draussen. Was ist los? Dann lerne ich halt noch etwas. Aber da draussen. Ist das Rauch? Dann war der Brand diesmal doch nicht so klein. Das Haus hab’ ich gesichert, oder? In zwei Stunden soll es vorbei sein? Okay. Vielleicht kommt es auch gar nicht bis zu uns.

Draussen wird’s wieder voller. Die Warnung ist aufgehoben. Nichts wie los. Jetzt muss unser Atemschutz aber richtig sitzen. Ja, so. Die Überdachungen hier sind es wert. Jetzt zweifelt niemand mehr an den immensen Kosten. Bist du das? Hallo? Nicht? Oh, sorry. Mit den Masken sehen auch alle gleich aus. Tschuldigung.

Die Sonne sinkt schon wieder. Sehr angenehm. Die Flasche ist leer! Ich habe sie nicht aufgefüllt. Mist. Das ist gefährlich. Ich muss etwas trinken, mir wird schon schummrig. Hier, ein Brunnen! Wieder grün. Das kann ich nicht trinken. Aber ich muss. Nein, noch etwas durchhalten und weitersuchen. Schaffe ich es bis zum HB? Hätte ich doch mehr zu trinken mitgenommen. Ich muss es schaffen. Komm, noch ein paar Meter. Immer noch grün, und jetzt auch braun. Das kann ich nicht trinken. Ich tue es trotzdem. Ahh, das tut gut. Jetzt nicht lange zögern, zum Zug. Leerer um diese Zeit und wieder angenehm. Eine letzte Stunde heute mit Klimaanlage. Das ging schnell. Schon wieder da. Ich bin so schlapp, das war ein anstrengender Tag. Noch den Weg zum Haus. Dann bin ich fertig, für heute. Aber das grüne Zeugs tausche ich noch am Brunnen aus. Das ist besser.

Plötzlich bin ich so schlapp. Ob das normal ist? Wird es schon. Aber es wird schlimmer, Beine wie Blei und Schwindel. Endlich zu Hause. Tag vorbei. Aber ich fühle mich gar nicht gut. Schnell, ab hinters Moskitonetz. Das wollte ich noch sauber machen. Aber nein, nicht mehr heute. Ouh, das ist gar nicht gut.

Morgen wird’s wohl noch heisser sein.

Wie das Motto HOT dieser Ausgabe wörtlich sagt – die Welt wird immer heisser. Dieser Text soll ein Anreiz sein, um zu reflektieren. Hitze besteht nicht nur aus Fakten, welche uns die Medien jeden Sommer neu erklären müssen. Hitze betrifft uns direkt, auch wenn nicht unbedingt so dystopisch wie in diesem Text. Dessen müssen wir uns stärker bewusstwerden.

 

Simon Sure, 19, studiert Computer Science im Bachelor und glaubt eigentlich nicht, dass es zur Dystopie kommt.

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