Ein wehmütiger Rückblick auf den Festivalsommer 2022

und ein Kulturtipp fürs nächste Jahr.

by Polykum Redaktion

Schon zum zweiten Mal darf ich fürs Polykum vom Schweizer Festivalsommer berichten. Das letzte Mal war 2019. Sido fasst es gut zusammen: «Endlich haben wir uns alle wieder.» Auch ich bin sehr dankbar, dass ich endlich wieder Live-Musik lauschen darf. Dieses Jahr zog es mich ans Openair Gampel und ans Zürich Openair.

Ein kleiner Einblick in meine Highlights

Von Badmómzjay hatte ich zuvor schon einige Songs gehört. Die zierliche Rapperin schmetterte auf dem Gampel geradeheraus femi- nistische Zeilen in die Menge. Ich musste meine Freund*innen erst anstacheln, damit wir alle bei Konzertbeginn vor der Bühne standen. Aber alle, die ihr eine Chance gegeben haben, meinten nach dem Konzert, es hätte sich mehr als gelohnt.

Zu Tränen gerührt war ich vom kleineren Schweizer Act Shem Thomas. Zu seiner Indie-Musik tanzte ich, lag meinem Freund in den Armen und dachte viel nach. Seine Zeilen trafen fast schon unheimlich genau, worüber ich mir gerade so den Kopf zerbrach.

Über der Menschenmasse

Den einen Moment am Openair Gampel werde ich nie vergessen. Ein Freund setzte mich auf seine Schultern, damit ich die Show von Robin Schulz besser sehen konnte. Dank meinem Rundumblick entdeckte ich plötzlich einen Mitbewohner und langjährigen Freund, ebenfalls auf den Schul- tern eines Kumpels. Zuvor hatten wir gechattet, konnten uns aber in der grossen Menschenmasse nicht finden. Der Moment, als sich unsere Blicke kreuzten und wir zusammen über den Köpfen aller feiern konnten, war einfach zu lustig.

Ein Hoch auf Moshpits!

Ich liebe es, auf jede mögliche Art zu tan- zen. Als zierliche Frau hatte ich mich aber noch nie in einen Moshpit gewagt. Dieses Jahr habe ich für mich entdeckt, welche Glücksgefühle das frei- setzen kann! Zwei ETH-Freundinnen hatten mir mal den Tipp gegeben, die Arme schützend vor die Brust zu halten und sich einfach ins Getümmel zu stürzen. Das tat ich. Und liebte es! Für alle, die zwar Lust haben, sich bisher aber nicht trauten: Tastet euch einfach bei einer kleineren Band mit weniger Publikum heran. Am Openair Gampel fühlte ich mich stets sicher und gut aufgehoben.

Gampel vs. Zürich

Leider konnte ich das Zürich Openair krankheitsbedingt nur einen Abend auskosten. Dieser war dafür umso erlebnis- und kontrastreicher. Der gesellschaftskritische Rap von Casper wurde von Tash Sultana perfekt ergänzt. Sie zauberte ein Instrument nach dem anderen hervor, als gäbe es keines, dem die talentierte Künstlerin keine schönen Töne entlocken kann.

Vergleiche ich die Stimmung der beiden Musikfestivals, bleibt das Openair Gampel glasklar mein Favorit. Nebst der Mischung der Acts tut es gut, auf dem Zeltplatz herumzulaufen und an jeder Ecke auf nette und kontaktfreudige Menschen zu treffen. Beim Zürich Openair erlebte ich eine weniger familiäre, distanziertere Stimmung. Möglicherweise lag das auch daran, dass ich nicht auf dem Gelände campte (wie viele der Besucher*innen, die in Zürich wohnen). Es war ein wahnsinniger Luxus, mich nach zehn Minuten Radfahren in mein Bett kuscheln zu können. Wenn aber alle zusammen im Matsch campen, entsteht einfach nochmals ein ganz anderes Erlebnis und eine besondere Stimmung.

von Patrizia Widmer, 25, liebt es zu tanzen und geht dieser Leiden-
schaft auch gerne als Polykum-Autorin nach.



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