Der Mensch funkt dazwischen

Bei Naturlandschaften denkt man an unberührte Natur ohne menschliches Eingreifen. Doch so einfach ist das nicht – oft schützen wir die Artenvielfalt besser, wenn der Mensch seine Finger trotzdem wieder im Spiel hat.

by Polykum Redaktion

Wie bewahrt und schützt man eine Naturlandschaft? Die Antwort darauf scheint einfach: Man überlässt sie sich selbst und unterlässt sämtliche menschliche Eingriffe. Doch gerade kleine Gebiete haben oft keine ausreichende Grösse, damit die natürliche Dynamik funktioniert. Wildtiere in um- zäunten Nationalparks können bei Trockenheit beispielsweise nicht in andere Gebiete ausweichen.

Doch während ein über Jahrhunderte an- gesammeltes Wissen existiert, wie man Land kultivieren und landwirtschaftlich nutzen kann, weiss man vergleichsweise wenig über das Managen natürlicher Systeme.

Menschengemachte Natur

Manche artenreiche Ökosysteme wären ohne menschliche Einflüsse gar nicht erst entstanden, wie Weiher oder Stein- und Asthaufen, die in stillgelegten Gruben angelegt werden. Oder Trockenwiesen und offene Eichenwälder, die durch eine bestimmte Art der Beweidung durch Kühe oder Schweine entstanden sind. Überlässt man diese nun sich selbst, wird der Artenbestand kaum so bleiben wie bisher. Es muss herausgefunden werden, welche Massnahmen nötig sind, wie etwa der richtige Zeitpunkt zum Mähen des Grases oder regelmässiges Abtragen des Bodens, um die Artenvielfalt zu erhalten.

Gutgemeinte Eingriffe

Ein gutes Beispiel für Nationalparkmanagement bietet der Kruger Nationalpark in Südafrika, der eine rund 20 000 km2 umzäunte Fläche um- fasst. Nach seiner Gründung 1898 war eine der ersten Massnahmen das Erstellen künstlicher Wasserlöcher und -dämme, um den regelmässigen Dürren entgegenzuwirken. Dieses gesteigerte Wasserangebot führte tatsächlich zu einer höheren Dichte an stark wasserabhängigen Tieren wie Zebras oder Gnus und damit auch an Jägern wie Löwen oder Leoparden. Zeitgleich brachen aber die Zahlen der grossen Antilopen ein. Diese leben nomadenhaft in trockenen Regionen und können sich in Gebieten mit zuverlässigem, reichlichem Wasserangebot nicht gegen die dortigen Arten behaupten. So wurden zahlreiche künstliche Wasserstellen wieder geschlossen, um eine natürlichere Verteilung von Gebieten bezüglich Wasserreichtum zu schaffen.

Die Tücken des Feuers

Neben dem Wasserangebot ist für manche Ökosysteme auch Feuer von grosser Bedeutung, so auch im Kruger Nationalpark. Für diese Savannenlandschaften sind kleinere regelmässige Brände nötig, um die botanische Vielfalt zu erhalten, da manche Pflanzensamen erst durch die Hitze des Feuers aufspringen. Bleiben Brände zu lange aus, sammelt sich viel brennbares Material an. Wenn sich dieses entzündet, kommt es zu sehr intensiv brennenden, sich schnell ausbreitenden Feuern, die manche Bäume und Tiere nicht überleben. Um he- rauszufinden, welche Brandhäufigkeit für welchen Vegetationstyp am besten geeignet ist, führt der Nationalpark seit Jahrzehnten andauernde Experimente durch. Über die Jahre waren verschiedene Fire Policies in Kraft. Bei der seit 2002 angewendeten Integrated Fire Management Policy werden natürliche Feuer begünstigt und einem jährlich angepassten Plan folgend, wo nötig, zusätzlich künstliche Feuer gelegt.

Wir verstehen die Komplexität natürlicher Systeme oft noch nicht gut genug, um abschätzen zu können, welche Effekte Eingriffe haben werden. Dies führt immer wieder zu Fehlern, woraus wiederum neue Erkenntnisse resultieren. Das Forschungs- potential ist nach wie vor riesig und der Klimawandel verändert vielerorts die Randbedingungen.

Sabrina Strub, 23,
studiert Bauingenieurwissenschaften und mag Elefanten im Nationalpark, aber keine Skorpione im Schlafzimmer.

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