Liebe, Leben, Leidenschaft

Leidenschaftlichkeit wird von vielen als Grundvoraussetzung einer glücklichen Beziehung gesehen. Doch wie kann man eine solche Beziehung aufbauen und lebendig halten? Paar- therapeutin und Sexologin Céline Olivier erzählt, was Leiden- schaft in einer Paarbeziehung ausmacht, welche Erfahrungen sie zu diesem Thema in ihrer Praxis sammelt und welche Tipps sie Paaren gibt, die sich wieder mehr Leidenschaft in ihrer Beziehung wünschen.

by Polykum Redaktion

CÉLINE OLIVIER

ist Sexologin und Inhaberin von Lustkreis, einer Praxis für Sexologie, sexuelle und affektive Gesundheit in Nänikon, wo sie auch viele Paare zum Thema Leidenschaft in der Beziehung berät.

 

Frau Olivier, wie definieren Sie Lei- denschaft in einer Liebesbeziehung?

Zunächst möchte ich mich zu einem gewissen Grad vom Begriff «Leiden- schaft» distanzieren. Obwohl dieser allgemein für ein intensives Liebesge- fühl verwendet wird, ist der Begriff an sich negativ behaftet und sehr stark auf das Leiden, Erdulden und Ausgelie- fertsein ausgerichtet. Der Aspekt der Überwältigung von Gefühlen und somit auch von Kontrollverlust ist an sich grenzwertig und kann sehr schnell zu unerwünschten Konsequenzen führen.

Im weiteren Text gehe ich davon aus, dass mit ‹Leidenschaft› das Ge- fühl von Liebe für die*den Partner*in, die gegenseitige Anziehung und Sehn- sucht gemeint sind. Gerade am Anfang einer Partnerschaft erleben Menschen ein überwältigendes Liebesgefühl.

Dieses verändert sich im Laufe der Zeit und ich denke, dass die «Leidenschaft» am Anfang einer Beziehung vor allem eine Projektion ist. Diese Phase, in der wir unsere*n Partner*in kennen- lernen und das Zusammensein von viel Neugierde, aber auch Unsicherheit und Aufregung bestimmt ist, führt zu einem aufregenden Mix von Gefühlen, den viele als ‹Leidenschaft› identifizie- ren und oft sehr positiv konnotieren.

Ist Leidenschaft bei Ihnen in der  Therapie ein grosses Thema und  kommen viele Paare zu Ihnen, bei  denen sie verlorengegangen ist?  

Ich erlebe es tatsächlich oft, dass Paare, denen die Lust an der Beziehung und der Paarsexualität abhandenge- kommen ist, das Gefühl des ‹Feuers› und der ‹Leidenschaft› suchen. Sie erwarten, dass es eine Möglichkeit gibt, die Schmetterlinge im Bauch wieder aufzuwecken. Das ist leider nur be- grenzt der Fall. Die Wahrheit ist, dass eine Beziehung davon lebt, sich ge- meinsam zu entwickeln, und somit das

‹Feuer› der Beziehung zu erhalten und auch immer wieder neu zu erfinden. Eine Beziehung ist ein hochkomplexes psycho-soziales Konstrukt, welches ständig dem Einfluss der Partner*in- nen, aber auch der Umwelt- und Lebensfaktoren ausgesetzt ist. Es ist wichtig, diese Dynamik zu verstehen und nicht zu versuchen, einen stabilen Zustand von Leidenschaft und Begeh- ren herbeizusehnen. Selbst bei ‹guten› Partnerschaften passiert es häufig, dass die Lust auf Sex und der Wunsch nach körperlicher Begegnung abhan- denkommen. Mindestens fünfzig Prozent der Fälle in meiner Praxis kommen wegen Lustlosigkeit. Diese wiederum hat ein breites Spektrum an Ursachen und betrifft eben viel mehr als nur Sexualität. Ich würde ganz allgemein konstatieren, dass vielen Menschen, die ihren Lebensplan abgearbeitet haben, die Lebensfreude, Neugier und Lust am Spielen und Experimentieren verloren geht. Dies sind aber wichtige Ingredi- enzen für eine lustvolle Partnerschaft.

Wie viel Leidenschaft braucht es für  eine funktionierende Beziehung? 

Wie eingangs erwähnt, halte ich Lei- denschaft an sich eher für gefährlich als nützlich. Klar wollen wir Menschen nicht immer rational entscheiden. Wir glauben sogar mehrheitlich, dass emo- tionale Entscheidungen besser seien. Letztendlich steht uns Emotionalität aber eher im Weg; sowohl beim Treffen von wichtigen Entscheidungen, als auch beim Lösen von Problemen. Und diese sind in einer Partnerschaft lang- fristig eindeutig wichtiger. Abgesehen davon gibt es auch genügend Fälle un- gesunder Beziehungen, in denen unter dem Deckmantel der Leidenschaftlich- keit psychische oder körperliche Gewalt ausgeübt wird.

Trotzdem gibt es natürlich keine gute Beziehung ohne Liebesgefühl. Dieses brauchen wir, um einander An- erkennung zu schenken, gemeinsam Lösungen zu finden und die Partner- schaft zu bereichern. Wieviel davon notwendig ist, dürfte aber ein ganz individuelles Mass sein.

 

Eine Beziehung ist kein fest definiertes Konstrukt, sondern ein gemeinsames Projekt.

 

Welche Tipps geben Sie Paaren für  mehr Leidenschaft? 

Der wichtigste Punkt ist Selbstbestim- mung. Eine Beziehung ist kein fest definiertes Konstrukt, und zum Glück ist es in unserer Gesellschaft erlaubt, diese nach den eigenen Wünschen und Bedürfnissen auszuleben. Deshalb ist es wichtig zu verstehen, dass die Bezie- hung an sich ein Projekt zwischen den beteiligten Partner*innen ist. Obwohl viele gesellschaftliche Normen in das Beziehungskonstrukt hineininterpretiert werden, dürfen erwachsene Menschen selbst entscheiden, wie ihre ganz indi- viduelle Beziehung aussehen soll. Das wiederum gibt viel Raum für Neues, für Experimente, für Spielen und Begeiste- rung. Also für ‹Leidenschaft›. Aber wie können Paare in einer festgefahrenen Beziehung das wieder entdecken?

Dafür gibt es tatsächlich einige Tipps und Anregungen.

Zunächst einmal sollte der Be- ziehung Zeit und Raum eingeräumt werden. Das hört sich vielleicht trivial an, ist aber im hektischen Alltag vieler Menschen nicht selbstverständlich. Zwischen Arbeit, Kindern und anderen Verpflichtungen bleibt kaum Zeit für gemeinsame Projekte. Zeit muss man sich bekanntlich nehmen, also emp- fiehlt es sich, qualitative Beziehungs- zeit im Alltag einzuplanen.

Der zweite Aspekt ist Kommu- nikation. Wir haben oft nicht gelernt, unsere Wünsche und Bedürfnisse zu reflektieren. Das führt zu unerfüllten Erwartungen und Enttäuschungen, die richtige Liebeskiller sein können. Wenn ich das Gefühl habe, mein*e Partner*in versteht mich nicht mehr, dann ist es auch mit der «Leidenschaft» schnell vorbei. Andererseits ist Kommunikation ein starkes Werkzeug, um den Rah- men für die eigene Beziehung immer wieder in Frage zu stellen und vielleicht gemeinsam zu erweitern. Dieses Ver- lassen der Komfortzone, sowohl im Ge- spräch als auch im Ausprobieren neuer Sachen, ist es, was ein Feuer (wieder-) erwecken kann und uns lebendig fühlen lässt. Gemeinsame Abenteuer zu erleben, stärkt Bindungsgefühle und gibt uns wiederum Sicherheit für neue Herausforderungen.

Der letzte und für viele Be- ziehungen wichtigste Punkt ist Sex. Sexualität ist eine hervorragende Ressource für gute und erfüllte Part- nerschaften. Sie sollte Teil der Bezie- hungsdynamik sein und darf ebenso frei definiert werden wie die Beziehung selbst. Viele Menschen empfinden den Mangel an Sex an sich als das Fehlen der ‹Leidenschaft›. Tatsächlich können aber positive sexuelle Begegnungen das Liebesgefühl wiedererwecken.

Sexualität ist die intimste Form der Begegnung zweier Menschen und er- laubt somit, die*den Partner*in immer wieder (neu) zu entdecken. Das Spielen mit Nähe und Distanz, der Wechsel von Hingabe und Führung sowie Akzeptanz und Zuneigung sind Zutaten für solche aufregenden Begegnungen.

Und ich möchte hinzufügen, dass es fast nie zu spät ist, die Liebe und ‹Leidenschaft› in einer Beziehung wieder zu entfachen. Ich wünsche allen den Mut, etwas Neues zu kreieren und das Feuer sowie die Lebensfreude immer wieder neu zu entdecken.

 

Sabrina Strub, 24,
studiert – mal mehr, mal weniger leiden-schaftlich – Bauingenieurwissenschaften im Master.

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