Täglich wird man von zahlreichen Gedanken regelrecht überflutet und sehnt sich danach, einfach mal abschalten zu können. Unsere Autorin hat sich mit anderen Menschen über verschiedene Strategien unterhalten, um den Kopf ‹leer› zu kriegen. Dabei hat sie das Meditieren näher unter die Lupe genommen.
Was soll ich heute kochen? Ich muss unbedingt noch den Vortrag für nächste Woche vorbereiten. Welche Art von Milch ist jetzt besser für die Umwelt – Kuh oder Soja? Und was ist eigentlich der Sinn des Lebens?! Meistens relativ willkürlich und ohne sinnvolle Reihenfolge tauchen solche Gedanken in meinem Kopf auf und verschwinden dann genauso schnell wieder. Dieses unstrukturierte, leicht nervöse Gedankenkarussell fühlt sich an, wie im stürmischen Meer von grossen Wellen mitgerissen zu werden. Eine Sehnsucht nach einer ruhigen weiten Leere macht sich dann in solchen Momenten oft bemerkbar.
Nachgefragt!

Geht es anderen Menschen auch so? Was gibt es für Strategien, die gegen diesen Gedanken-Wasserfall helfen? Ausgerüstet mit Laptop und Maske bin ich in den Strassen von Westwood, einem lebhaften Stadtviertel in Los Angeles, diesen Fragen nachgegangen. Junge und alte Menschen verschiedenster Herkunft haben mir mit mehr oder weniger Enthusiasmus von ihren persönlichen Erfahrungen erzählt. Obwohl die meisten mich mit fragendem Blick betrachteten und – eine knappe Entschuldigung murmelnd – schnell weiter liefen, konnte ich mir doch einen groben Eindruck verschaffen, wie Menschen ihren Kopf ‹leeren›. Von Yoga über Kochen, bis zu Spazieren im Wald – meine Gesprächspartner*innen teilten mir vielfältige Strategien mit, wie sie einen klaren, ausgeruhten Geist erlangen. Auch Kaffeetrinken mit Freund*innen, Sex und anspruchslose Filme Schauen wurden genannt. Viele beschrieben jedoch die Meditation als besonders hilfreich.
Was ist Meditation?
Oft wird Meditieren mit östlichen Kulturen in Verbindung gebracht, aber eigentlich findet man diese Praxis in fast allen Religionen und Kulturen in irgendeiner Form. Seit einigen Jahren wird Meditation nicht mehr nur der Spiritualität, Religion und Esoterik zugeordnet, sondern sie gilt auch als Entspannungsübung mit nachgewiesener Wirkung. Die jahrtausendealte Tradition wurde zum regelrechten Boom, so dass in einigen Fällen sogar die Krankenkasse für anfällige Kosten aufkommt. Von Yogis, über Manager*innen bis zu Studierenden: Unterschiedlichste Menschen bauen mittlerweile diese mentale Übung, wenn auch mit unterschiedlicher Motivation, in ihren Alltag ein.
Der Begriff der Meditation ist vielen bekannt, doch eine genaue Definition zu formulieren, fällt unerwartet schwer. Etliche Denker*innen haben sich auf die Suche nach einer allumfassenden Beschreibung gemacht, welche die vielfältigen Seiten, welche die Meditation mit sich bringt, miteinbezieht. Im Hier und Jetzt sein, Stille, innere Ruhe und Leere sind Stichworte oder Konzepte, die mit der meditativen Praxis und dem darin erlebten Bewusstseinszustand verbunden werden. Nach den Forschern Walsh und Shapiro handelt es sich bei der Meditationspraxis um Folgendes:
“The term meditation refers to a family of self-regulation practices that focus on training attention and awareness in order to bring mental processes under greater voluntary control and thereby foster general mental well-being and development and/or specific capacities such as calm, clarity, and concentration.“
Alan Watts, englischer Religionsphilosoph, der als Dozent und Schriftsteller tätig war, ist der folgenden Meinung:
“Meditation is the way in which we come to feel our basic inseparability from the whole universe, and what that requires is that we shut up. That is to say, that we become interiorally silent and cease from the interminable chatter that goes on inside our skulls. Because you see, most of us think compulsively all the time.“
Unter den zahlreichen formulierten Definitionen gibt es wahrscheinlich nicht die eine Richtige. Spannender hingegen ist es, sich darüber auszutauschen, was man selber darunter versteht und wie man diesen Bewusstseinszustand erlebt.
In verschiedenen Meditationstechniken versucht man, aufkommende Gedanken zu bemerken, nicht zu bewerten und einfach wieder gehen zu lassen. Generell wird die Meditationspraxis in zwei Hauptmethoden eingeteilt. Bei der konzentrativen Meditation wird die Aufmerksamkeit punktuell beispielsweise auf den Atem, ein Körperteil oder eine Empfindung gerichtet. In der Achtsamkeitsmeditation ist der Fokus breiter und es wird die Strömung von Körperempfindungen, Gedanken und Gefühlen beobachtet.
Wissenschaftliche Evidenz
In der akademischen Welt kommt die Meditation ebenfalls nicht zu kurz. Etliche wissenschaftliche Studien beschäftigen sich mit der Wirkung auf Psyche und Gehirn. Stress, Angst, Depression, ja sogar Schmerz können gemäss Studien mit der mentalen Übung gelindert werden. Kräftige Gamma-Oszillationen, welche in kognitiven Prozessen involviert sein sollen, wurden bei Meditationsexpert*innen während diesem besonderen Bewusstseinszustand beobachtet. Neurotransmitter, die kleinen Botenstoffe im Gehirn, sollen nach einer Stunde Meditation in einer veränderten Konzentration vorliegen. Viele sind der Meinung, diese handfesten wissenschaftlichen Befunde sind der Beweis dafür, dass Meditation auch tatsächlich wirkt. Es scheint, als würden erst diese nachweisbaren Veränderungen der klumpigen Masse in unserem Kopf, die ganze Geschichte vielversprechender, glaubwürdiger, echter machen. Zudem sind diese Befunde nicht allzu erstaunlich, da jede Tätigkeit, die wir regelmässig ausführen, Spuren im Gehirn hinterlässt. Wie mit allen wissenschaftlichen Fragen ist es wichtig, sich kritisch mit den Ergebnissen auseinanderzusetzen, diese zu hinterfragen und mit Vorsicht zu interpretieren. Zudem sollte die Praxis der Meditation ganzheitlich betrachtet und nicht nur auf ein evidenz-basiertes Hirntraining mit Entspannungseffekt reduziert werden. Schliesslich umfasst die Praxis komplexe kognitive Vorgänge, die von verschiedenen sozialen und kulturellen Faktoren beeinflusst werden. Sie ermöglicht es uns auch, einen anderen Blickwinkel auf unser tägliches Bewusstsein zu werfen.
Individuelle Strategien
Studien, Traditionen und Meinungen hin oder her: Ob euch nun Meditation, die Zubereitung einer köstlichen Mahlzeit oder eine andere Beschäftigung hilft, einen klaren Kopf und einen ruhigen Geist zu erlangen, könnt schlussendlich nur ihr selbst herausfinden. Mit einer Prise Neugier bereit sein, etwas Neues auszuprobieren, kann sicherlich nicht schaden. Vielleicht führt diese Offenheit zur Entwicklung neuer Perspektiven, die wiederum spannende Ideen und Wege mit sich bringen.
Einfache Umsetzung
Das Schöne und Einfache an der Meditation ist, dass man keinerlei Ausrüstung benötigt. Einzig und allein sind Konzentration und Offenheit gefragt. Mögliche Leitlinien sind:
- Finde eine bequeme Position, in der du für eine kurze Zeit aufmerksam und konzentriert sein kannst.
- Schliesse deine Augen oder fokussiere deinen Blick auf ein Objekt.
- Nimm deinen Körper, deine Gefühle und Gedanken wahr.
- Versuche deine Empfindungen nicht zu werten, sondern einfach so zu nehmen, wie sie sind.
Es gibt unheimlich viele Ressourcen im Internet, die dir den Start in eine regelmässige Meditationspraxis erleichtern können. Der Youtube-Kanal Declutter The Mind oder die App Headspace bieten beispielsweise geführte Meditationen an.


