Neuordnungen des Bauens

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Was wie ein gewöhnliches Quartier wirkt, entpuppt sich als Schauplatz einer architektonischen Neuordnung. Die Werkbundsiedlungen – von Zürich bis Stuttgart – zeigen, wie die Moderne unsere Vorstellung von Wohnen, Raum und Ordnung umformte.

Es ist ein üblicher, kühler, aber sonniger Sonntagmorgen im November. Doch heute lese ich im Tagesanzeiger einen Artikel zur Wohnsiedlung Neubühl, die sich scheinbar unmittelbar in meiner Nachbarschaft befindet. Bei meinem Spaziergang gehe ich also in Richtung der Siedlung und bemerke erstmal nicht viel. Angeblich soll diese „Werkbundsiedlung“ in Architektenkreisen weltberühmt sein. Mir fallen die simplen Häuser mit flachen Dächern auf, und vor allem, dass es so viele gleiche in einer Reihe sind. Die Siedlung ist auf einem Hügel gelegen und die Frontfassaden zur Sonne gerichtet. Alle Häuser haben kleine Gärten, ich grüße die Bewohner, die sich gerade in diesen aufhalten. Auf den ersten Blick könnten diese Häuser auch vor nicht allzu langer Zeit erbaut worden sein.

Die Idee und ihre Institution

Die beschriebene Siedlung in Neubühl ist ein vieldiskutiertes Beispiel einer europäischen Moderne, die eine Neuordnung der Architektur einforderte und dafür auch auf die Gründung einer Institution zurückgriff. Im Jahr 1907 gründeten Industrielle, Künstler und Politiker den Deutschen Werkbund im Zuge der Reformbewegungen, die zur damaligen Zeit großen Aufschwung erlebten und den negativen Auswirkungen von Urbanisierung und Industrialisierung entgegenzuwirken suchten. Reformkleider, Ausdruckstanz, Turn- und Freikörperkultur, Vegetarismus und Naturheilkunde sind bis heute bekannte Erscheinungen dieser Reformidee.Der Werkbund versuchte mit seinem Leitsatz der „Veredlung der gewerblichen Arbeit“, die Kunst, die Industrie und das Handwerk zu vereinen und damit die Grundlage für eine neue Ästhetik industriell gefertigter Waren zu setzen. Dabei beschränkten sich die Ziele aber keinesfalls nur auf täglich verwendete Gebrauchsgegenstände, sondern umschlossen auch die architektonischen Erzeugnisse zur Etablierung ihrer Ideen eines ordnungsvorgebenden modernen Stils über Epochen hinweg. So waren die Gestalter des Werkbundes an der Gestaltung von zahlreichen Produkten wie Wohnhäusern, Sanatorien, Autos, Fabriken, Gestühl, Besteck, Fußbodenbelägen (Linoleum) etc. beteiligt und prägen unser Verständnis vom Gebrauch von Dingen bis heute. Die Durchsetzung ihrer Ideen bedeutete aber zunächst einmal das Schwanken alter Ansichten.

Weissenhofsiedlung Stuttgart, Haus Le Corbusier (Foto: Jaimrsilva, via Wikimedia Commons)

Angewandte Kunst im Mikrokosmos

Eine der bedeutendsten Bühnen des international agierenden Werkbundes war die Weissenhofsiedlung in Stuttgart, die den zentralen Bestandteil der Ausstellung „Die Wohnung“ von 1927 darstellte und im selben Jahr innerhalb von sechs Monaten errichtet wurde. Unter Leitung von Ludwig Mies van der Rohe entstanden durch das Heranziehen von 17 Architekten 21 unterschiedliche Häuser, die insgesamt 63 Wohnungen enthielten und von 55 internationalen Architekten eingerichtet wurden. Das heutige Museum der Siedlung, das Doppelhaus von Le Corbusier, gehört heute zum UNESCO-Weltkulturerbe und ist beinahe gänzlich begehbar.

Ein Besuch dieses Hauses vermittelt noch heute, welche Chancen der Bau einer solchen Siedlung schuf, ließen sich in ihr doch die Ideale der Institution praktisch realisieren. Helle Kuben mit weitreichenden Fensterbändern, Flachdächer mit Dachterrassen und offene, lichtgeflutete Wohnflächen prägen diese Beispiele des sogenannten Neuen Bauens, die dem kritischen bürgerlichen Publikum eine neue Ordnung des Wohnens präsentieren sollten. Ein Planen von innen nach außen, das nicht Repräsentation, sondern das Wohnen selbst in den Vordergrund stellte und dabei insgeheim sozialreformerische Absichten verfolgte, indem es ein klassenloses Wohnen propagierte. Die zeitgenössischen Meinungen zur Siedlung waren sehr gespalten.

Neubühl, 1932 (Foto: Walter Mittelholzer)

Werkbundsiedlung Neubühl in Zürich

Der Schweizer Ableger des Werkbundes wurde im Jahr 1913 gegründet und ein Teil ihrer Vertreter wirkte auch in Stuttgart mit. Dies qualifizierte sie zum Bau der Siedlung in Zürich, die eingangs beschrieben wurde. Die Werkbundsiedlung Neubühl ist ein Exempel der Verwirklichung von Ideen des Neuen Bauens und wurde zwischen 1930 bis 1932 realisiert. Was vor allem auffällt, ist die hohe Anzahl der Häuser und Wohnungen auf wenig Raum, ohne, dass der Eindruck von Enge entsteht. Insgesamt befinden sich in der Siedlung 194 Wohnungen und 121 Reihenhäuser. Allen gemeinsam sind die großen Fenster, die tagsüber die Wohnungen ausgiebig belichten, sodass die im Tagesanzeiger-Artikel beschriebenen 53qm der besuchten Familie gar nicht so klein wirken. Außerdem wurden in starkem Kontrast zum Stuttgarter Ableger nur zwei verschiedene Haustypen verwendet, was den Faktor der Typisierung enorm herausstellt. Schon damals stellte das Wohngebiet eher den Rand der Stadt dar und lehnte sich damit gegen die ansonsten in Großstädten so häufig vorkommende Blockrandbebauung auf, die vielen Wohnungen das Tageslicht nahm.

Werkbundstadt Delmenhorst

„Eine vergessene Episode der deutschen Design-Geschichte“ – so wird das Schaffen des Deutschen Werkbundes in der nordwestdeutschen Industriestadt Delmenhorst (die Heimatstadt der Autoren) in einem Beitrag des Journal of Design History aus dem Jahr 1994 bezeichnet. Der heute 80.000 Einwohner zählende Nachbar der Hansestadt Bremen kann als Paradebeispiel einer Versuchsstätte des Werkbundes bezeichnet werden, trafen hier doch frühe Mitglieder der Institution mit jungen und aufgeschlossenen Politikern zusammen, die über Jahre hinweg das Bauen und Produzieren in der boomenden Arbeiterstadt prägen sollten.

Vom Grundriss der Stadt selbst hin zu den individuell gestalteten Villen des neu aufkommenden Bürgertums der Industriestadt, den modernen Produkten (Künstler-Linoleum, Autos, Plasmon-Milcheiweiß-Erzeugnisse etc.) und ihren Fabrikgebäuden, den Sozialeinrichtungen und Arbeiterwohnsiedlungen: In all diesen Dingen spiegeln sich die Ideen und Ziele des Werkbundes in unserer Heimatstadt im großen Maße wider. Auf der Internetseite des freiberuflichen Architekturfotografen Stefan Klink (www.werkbundstadt. de) lassen sich verschiedene Impressionen aus Delmenhorst finden, darunter auch die Siedlung am Ginsterweg von 1929-30, die den Baugruppen aus Zürich zumindest im Aspekt der Typisierung sehr ähnelt.

Das Alte im Neuen

Bei einem Spaziergang durch ein heutiges Neubauviertel fällt auf, wie viele der neuen Bauten die bisher behandelte klassische Moderne erneut aufgreifen, zitieren und neu interpretieren. Helle Kuben mit Flachdächern und großen Fensterscheiben, die hohe und weit geöffnete Räume abschließen, prägen unseren Begriff von moderner zeitgenössischer Architektur bis heute. Die in den 1920er Jahren angelegten neuen Ordnungen des Bauens und Wohnens scheinen sich über die Zeit hinweg durchgesetzt zu haben und durch heutiges Wissen aktualisiert und verbessert zu werden.

Auf dem Weg dorthin erscheinen die Institutionalisierung von Ideen und die Setzung von Meilensteinen durch den Bau von Mustersiedlungen als wichtige Anhaltspunkte, um heutige Ordnungen erkennen und erklären zu können. Neue Ordnungen gingen schon damals mit dem Erschüttern von alten Normen einher, müssen diese aber nicht vollends verdrängen.

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