Eng umschlungen

Dating und Casual-Sex gehören fest zum Alltag vieler Studierender – mit aller Freude und allem Leid, die damit geweckt werden können. Unsere Autorin erzählt von ihren ganz persönlichen Gefühlen zum Nacktmachen beim ersten Date.

by Polykum Redaktion

von Letizia

Und da lag ich wieder. Nackt neben einem Mann, verschwitzt und mit einem fast schon beschwipsten Lächeln auf den Lippen. Etwa zwölf Stunden zuvor wachte ich noch angekuschelt an einen anderen Typen auf. Das Date mit Letzterem war spontan: Ich lag zuhause, hatte Lust und schickte ihm per Tinder eine Nachricht. Seine Antwort war ein überraschtes «Ja!». Da ich auch für den nächsten Tag ein Date geplant hatte, packte ich alles ein, was ich für zwei Tage brauchte: Zahnbürste, Unterwäsche, Sportsachen, Laptop etc. Und so machte ich mich auf den Weg zu ihm. Nach einer wunderschönen Nacht mit viel zu wenig Schlaf ging ich an die ETH, erledigte meine Pflichten, be- gegnete am Mittag auf der Polyterrasse zufälli- gerweise einem dritten Typen, mit dem ich gerade was am Laufen habe, und begab mich am Abend auf den Weg zu meinem seit Längerem geplanten Abendessen-Date. Mein Begleiter weiss natürlich, dass ich nicht nur ihn treffe, aber dass ich noch vor einem halben Tag bei einem anderen lag, wird er wahrscheinlich nicht erwarten. Und solange er nicht danach fragt, muss ich ihm das auch nicht auf die Nase binden.

Auf der Suche nach Nähe

Noch vor einem halben Jahr hätte ich mich als absoluten Beziehungsmenschen beschrieben. Mittlerweile habe ich aber erkannt, dass ich die Nähe, nach der ich mich oftmals sehne, nicht nur in einer Beziehung finden kann. Als Mittzwanzigerin stürze ich mich nun also zum ersten Mal so richtig ins Dating-Leben, inklusive Dating-Apps und allem was dazu gehört. Und ich geniesse diese freie Zeit während des Studiums in vollen Zügen.

Warme Küsse und neugierige Hände

War ich früher eher schüchtern, was das Zeigen meines Körpers anging, empfinde ich es – nebst der Aufregung und Vorfreude – mittlerweile schon fast als normal, jemanden beim ersten Date auszuziehen und ausgezogen zu werden. Auf war- me Küsse folgen Hände, die einander neugierig er- kunden und auch schnell unter Pullover schlüpfen. Eines führt zum nächsten und es gibt kein Halten mehr. Wir sind jung, wir wollen mehr. Warum nicht gleich beim ersten Date miteinander schlafen? Oftmals schmiege ich meinen Körper die ganze Nacht an den Mann, den ich mit zu mir nach Hause nehme. Bis wir irgendwann in der Nacht oder am nächsten Morgen aufwachen durch das schöne Gefühl der Nähe und dadurch wiederum andere Bedürfnisse geweckt werden …

Verletzlichkeit ist sexy

Doch was ich ebenso interessant finde wie die körperliche Anziehung, ist die emotionale Blösse beim Dating. Merke ich, dass mir gegen- über einer sitzt, der seine Schwächen offensichtlich reflektiert und mir diese kommuniziert, finde ich das wesentlich attraktiver als sämtliche körperlichen Attribute. Alle, die ich mittlerweile noch regelmässig sehe, haben sich mir bereits beim ersten Date geöffnet, oder hinterliessen jedenfalls einen sehr ehrlichen Eindruck. Jemand kann noch so heiss sein, wenn ich merke, dass die Person sein Herz verschlossen hat und keine emotionale Nähe zulässt, stösst mich das ab. Das Offenlegen der Gefühle zeugt für mich von wahrem Kommunikationstalent. Und das finde ich beim Casual-Dating ebenso wichtig wie die körperliche Komponente. Einerseits ist es unglaublich spannend, in das Leben anderer einzutauchen. Andererseits ist gute Kommunikation, auch im Bett, unabdingbar. Und wem ich vertraue, kann ich mich hingeben.

Letizia ist etwa ein Vierteljahrhundert alt und macht ihren Master an der ETH. Sie war zwei Stunden vor Redak- tionsschluss noch auf einer Dating-App und musste mit sich ringen, den Artikel pünktlich fertigzustellen.

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